Schülerin Sofia Fernandez aus dem Projekt „Kolonialismus und seine Folgen -vergessen im Erinnern?“ der Deutschen Schule Mexiko-Stadt, Campus Süd, gewährt uns einen spannenden Einblick in ihr Reisetagebuch:

Am 20. Februar 2020 sind wir als Projektgruppe nach Berlin geflogen. Die Reise war eine sehr wichtige Etappe in unserem Projekt. Schließlich haben wir seit Monaten an unserem Thema gearbeitet und konnten nun endlich gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern aus Berlin die Arbeit fortsetzen. Alle waren unglaublich aufgeregt und freuten sich auf eine produktive Zeit voller neuer Erkenntnisse und Erfahrungen.

Montag, 24.02.: Besuch der Berliner Partnerschule und Workshop bei 7xjung

Am Montag lernten wir die Berliner Schülerinnen und Schülern und ihre Schule kennen. Nach der Begrüßung durch die Schulleiterin Frau Dr. Schlicht haben wir uns mit den unterschiedlichen Erinnerungsorten aus Mexiko und Deutschland auseinandergesetzt, die wir bereits im Verlauf des Projektes gemeinsam erarbeitet hatten. Ziel war es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den jeweiligen Erinnerungskulturen aufzuzeigen und zu verstehen, warum wir heute anders oder ähnlich erinnern. Neben der eigenen Geschichte, besitzt jedes Denkmal auch eine Bedeutung für die heutige Zeit. Eine Botschaft, die es kritisch zu hinterfragen gilt. Wie würden wir Denkmäler heute gestalten?

Nach dem Mittagessen machten wir uns auf den Weg zu einem Workshop bei 7xjung – den Lernort von Gesicht Zeigen!. Unser Workshop beschäftigte sich mit Geschichte und Gegenwart: Wie prägen bestimmte Themen noch heute unsere Leben?

Zum Warm-up hörten wir Marsch- und Swingmusik. Dazu konnten wir uns bewegen und tanzen wie wir wollten. Frei fühlten wir uns aber nur bei der Swingmusik. In einem der Räume, der sogenannten „Sporthalle“, haben wir ein Bild von den Olympischen Spielen 1936 gesehen, auf dem sehr viele Jugendliche mit der gleichen Sportkleidung bei Liegestützen abgebildet waren. Dazu mussten wir unsere Gefühle und Gedanken aufschreiben und aus diesen ein Gedicht oder Lied erarbeiten.

Der Workshop bei 7xjung war sehr interaktiv und kreativ gestaltet. Über viele Themen haben wir tiefgründig diskutiert und uns mit unseren Gedanken und Gefühlen auseinandergesetzt: Was bedeutet soziale Ausgrenzung in Mexiko und in Deutschland? Kann man die Folgen der deutschen Migrationsgesellschaft mit den postkolonialen Phänomenen der Gegenwart vergleichen? Sind Frauen in beiden Ländern sozial gleichgestellt? Wie gehen wir mit Minderheiten um? Wir hatten tolle und spannende Diskussionen, die wir in unseren Alltag mitgenommen haben.

Dienstag, 25.02.: Besuch im Deutsch-Historisches Museum und Aufnahme des Projektsongs

Am Dienstagvormittag waren wir im Deutschen Historischen Museum, um an einem Workshop teilzunehmen, der die Sonderausstellung zu Wilhelm und Alexander von Humboldt tiefgründig behandelt hat. Der Besuch des Museums war sehr wichtig für uns, sowohl wegen der historischen Informationen zur Kolonialgeschichte, als auch wegen der neuen Perspektiven, die wir erleben konnten. Wir warfen einen kritischen Blick auf die Folgen der Kolonialzeit für die betroffenen Völker und durften auch an Exponaten arbeiten.

Am Nachmittag ging es für uns ins Tonstudio. Noch in Mexiko-Stadt hatten wir bereits einen Musik-Workshop mit Thomas Baumann. Aus diesem Workshop ist unser Projektsong „Erinnern statt Vergessen“ entstanden. Herr Baumann hat uns die Möglichkeit gegeben, den Song in einem Berliner Tonstudio professionell mit seiner Band aufzunehmen. Die Aufnahme hat zwar mehrere Stunden gedauert, aber die vielen Proben und das ständige Wiederholen haben auch riesigen Spaß gemacht.

Mittwoch, 26.02.: „Berlin als Erinnerungslandschaft“ und Besuch bei der ZfA

Am Vormittag haben wir einen Spaziergang zum Thema „Berlin als Erinnerungslandschaft“ gemacht. Wir haben die wichtigsten Erinnerungsorte im Herzen der deutschen Hauptstadt besichtigt. Organisiert und durchgeführt wurde der Spaziergang von der Stiftung Denkmal der ermordeten Juden Europas. Der historische Kontext war zwar ein anderer als der unseres Projektes, aber es ging primär um die Frage, wie Denkmäler in ihrer Konzeption und Architektur auf unterschiedlichste Art und Weise Geschichte transportieren und projizieren können. Nachdem wir bei jedem Denkmal über die spezifische Architektur und die Bedeutung des Denkmals gesprochen haben, sollte jede/jeder einzeln für sich die Gefühle wahrnehmen und anschließend beschreiben.

Am Nachmittag waren wir zu Besuch bei der ZfA in Berlin, wo wir die bisherige Arbeit des Projektes vorstellten. Dabei kam es zu einem intensiven Austausch zu Themen wie der Bedeutung von gesellschaftlicher Empathie, dem Verstehen der eigenen Herkunft, der Verteilung und dem Zugang zu Ressourcen weltweit sowie dem Reichtum kultureller Vielfalt. Ausgehend vom historischen Kontext des Kolonialismus haben wir gemeinsam versucht, auf aktuelle Fragestellungen in Politik und Gesellschaft einzugehen. Am Ende präsentierten wir unseren Projektsong.

Donnerstag, 27.02.: Workshop in der Komischen Oper Berlin

In der Komischen Oper Berlin haben wir die Produktion Anatevka erleben können. Anatevka thematisiert den Umgang mit der jüdischen Bevölkerungsminderheit gegen Ende des russischen Zarenreiches zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wieder ein anderer historischer Kontext, der die musikalische und thematische Inszenierung von Ausgrenzung, Pogromen und religiös-motivierten Mord darstellt.  Die Betrachtung verschiedener Kontexte ist für uns sehr wichtig, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu verstehen sowie Schlussfolgerungen zu ziehen. Nach einem Bühnenrundgang durfte jeder eine Figur aus der Produktion interpretieren und diese dann im Spiel und in einer Diskussion repräsentieren. Das Annehmen der Rolle, ihr Leben und ihre Emotionen in konkreten Momenten zu verkörpern, war ergreifend. Nachdem jeder seine Rolle vorgestellt hatte, bekamen wir eine Szene aus der Produktion und mussten diese zusammen vorspielen. Am Ende erfuhren wir, dass wir uns das Stück am Freitag gemeinsam ansehen würden.

Freitag, 28.02.: Fotographie-Workshop und Erkundung des Afrikanischen Viertels

Unser fünfter Tag begann mit einem Fotografie Workshop. In der Schule, zusammen mit unseren Austauschpartnern, haben wir einen Vortrag der Fotografin Doro Zinn zum Thema “Dokumentarische Fotographie” und “Erinnerungsorte in Fotografien” bekommen. Frau Zinn hat uns erklärt, wie man mithilfe eines Fotos Geschichte rekonstruieren kann. Auch dies erfolgt immer mit einem bestimmten Ziel und aus einer bewusst ausgewählten Perspektive.

Im Anschluss erhielten wir den Auftrag, Fotos von Erinnerungsorten im Afrikanischen Viertel in Berlin-Wedding aufzunehmen, um eine Verbindung zwischen diesen und der Erinnerungskultur zu schaffen. Neben Fotoaufnahmen, haben wir auch Gespräche mit Anwohnern aus dem Viertel geführt, die heute selbst ein Mosaik verschiedener Bevölkerungsgruppen aus aller Welt bilden.

Die meisten der Befragten kannten weder die historische Bedeutung noch die Namen von Straßen, die an ehemalige deutsche Kolonien vor dem Ersten Weltkrieg erinnern. Manche der Befragten, die selbst aus Afrika stammten, brachten die Bilder in Zusammenhang mit den ökonomischen, politischen und sozialen Folgen, unter denen ihre Herkunftsländer noch heute leiden. Viele berichten auch von der schweren Fluchterfahrung und der Herausforderung, im Land des ehemaligen Kolonisators eine neue Heimat zu finden.

Abschluss in der Komischen Oper Berlin

Der krönende Abschluss unserer Reise war die Inszenierung von Anatevka, an der wir alle teilnehmen konnten. Wir saßen dabei nicht nur als bloße Zuschauer im Publikum, sondern konnten durch den Workshop alles viel intensiver miterleben und nachvollziehen. Ein ganz neues Erlebnis. Die Umsetzung des Themas und der Bezug zu unserem Projektthema werden uns auch noch in den kommenden Wochen der Projektarbeit begleiten.


Das Projekt wird gefördert im Rahmen des Wettbewerbs „Erinnern für die Gegenwart“. Deutsche Auslandsschulen und Deutsch-Profil-Schulen setzen sich mit ihrer Schulgeschichte und dem historischen Umfeld der Schule auseinander. Wie hat man sich verhalten gegenüber Kolonialismus, Nationalsozialismus, Diktatur oder Menschenfeindlichkeit? Ziel ist, Erinnerungskultur, Toleranz und Demokratieverständnis zu stärken und auch auf heutige Formen der Diskriminierung aufmerksam zu machen. Schülerinnen und Schüler sind an der Projektentwicklung zentral beteiligt.

„Erinnern für die Gegenwart“ ist eine Initiative von Bundesaußenminister Heiko Maas und wird umgesetzt von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ).

Kategorien: Mexiko

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