Unter der Überschrift „Transitraum Lissabon“ setzten sich an der Deutschen Schule Lissabon Mitglieder der ganzen Schulfamilie vom Kindergarten über das Gymnasium bis in die Alumni-Netzwerke hinein in unterschiedlichen Teilprojekten mit der Rolle Lissabons und der Deutschen Schule als Transitraum auseinander. Wir erhalten nun einen Einblick in die Projektarbeit – von der Konzeption bis hin zur pandemiebedingten Umplanung – und erfahren auch, zu welchen Grenzüberschreitungen, Erkenntnissen und neuen Vorhaben die Arbeiten geführt hat .

Ein Bericht von Dr. Michael Veeh, projektleitender Lehrer an der Deutschen Schule Lissabon.

Lissabon ist in den letzten hundert Jahren immer wieder zum Transitraum und zum Fluchtpunkt für Menschen in Not geworden: Während des Zweiten Weltkrieges retteten sich hierhin Verfolgte aus ganz Europa, um Fluchtmöglichkeiten nach Amerika oder in andere Teile der damals freien Welt auszuloten. In der Zeit der portugiesischen Diktatur boten sich in Lissabon trotz erheblicher staatlicher Restriktionen wenigstens geringe Schlupflöcher für Andersdenkende, aus denen maßgeblich der Widerstand der weitgehend friedlichen Nelkenrevolution vom 25. April 1974 hervorging. In der heutigen globalisierten Welt ist Lissabon Zufluchtsort für Immigranten aus ehemaligen Kolonien oder und aus aller Welt geworden, die von einem besseren Leben oder Überleben in Europa träumen.

Im Schuljahr 2019/20 nahm die DSL zusammen mit rund sechzig weiteren deutschen Auslandsschulen am Projektwettbewerb „Erinnern für die Gegenwart“ teil, der von Außenminister Heiko Maas initiiert und von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen von Anfang an intensiv betreut wurde. Ziel der Ausschreibung war es, die deutschen Schulen im Ausland dazu anzuregen, sich eingehender mit ihrer eigenen Schulgeschichte,  mit der Geschichte ihres Sitzlandes und somit auch mit der eigenen (Schul-)Identität auseinanderzusetzen. Durch den Blick in die Vergangenheit, gerade auch in schwierige Epochen, sollte das Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler für Toleranz und Demokratie und gegen Ausgrenzung und Diskriminierung in unserer Gegenwart geschärft werden. Das Projektteam an der DSL formulierte als Überschrift der eigenen Projektarbeit den Titel „Transitraum Lissabon. Erinnern für die Gegenwart“.

Am Anfang standen Fragen: Aus welchen Gründen kamen Schutzsuchende im 20. und 21. Jahrhundert nach Lissabon? Welche Hoffnungen, welche Ängste und Herausforderungen prägten und prägen ihre Situationen? Wie positionierte sich die Deutsche Schule? Wurde auch sie zum Fluchtraum, zum Schlupfloch und Rettungsanker oder war – gerade zwischen 1933 und 1945 – genau das Gegenteil der Fall? Was hat die Vergangenheit mit der Gegenwart zu tun? Wie stehen wir heute zur Geschichte Lissabons als Transitraum und zur Geschichte der Deutschen Schule in den letzten hundert Jahren? Leben wir selbst ein Stück dieser Geschichte Lissabons als Geschichte eines Transitraums? Und nicht zuletzt: Wie können wir konkret gegen Rassismus vorgehen und für demokratische Werte eintreten? Von Anfang war klar, dass es nicht darum gehen kann, allumfassende, verbindliche Antworten auf diese Fragen zu erhalten. Vielmehr sollten unsere Schülerinnen und Schüler, aber auch Eltern, Ehemalige und Förderer der Schule, Lehrerinnen und Lehrer dazu angeregt werden, sich – je nach Alter und je nach Blickrichtung – ihr eigenes Bild aus verschiedenen Mosaiksteinen zusammenzusetzen. Kollektive und individuelle Wahrnehmungsprozesse sollten in Gang gebracht werden. 

Die Konzeption des Projektes bestand maßgeblich darin, über ein ganzes Schuljahr hinweg ein dichtes Programm von Lesungen, Zeitzeugengesprächen und Diskussionsrunden zu organisieren, um die Schulfamilie – ausgehend von diesen Events – zum Nachdenken, aber auch zur produktiven Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte anzuregen. Die Veranstaltungen sollten vor allem auch in den Unterricht einzelner Klassen hinein wirken und Schüler dazu motivieren, sich selbständig und produktiv mit dem Projektthema auseinanderzusetzen. Ausgewiesene Experten, insbesondere Maria Inês Brandão, Kuratorin im Espaço Memória dos Exílios in Estoril, dem wichtigsten außeruniversitären Institut zur Erforschung der Exilgeschichte in Portugal, Cláudia Ninhos, Professorin für Zeitgeschichte an der Universidade Nova de Lisboa, und Gerd Hammer, Germanistik-Professor an der Universidade de Lisboa, kamen in die Schule oder luden die Schülerinnen und Schüler in ihre Institute ein. Eine besondere Unterrichtsstunde in der Bibliothek wurde durch Tilo Wagner, als Korrespondent unter anderem für den Deutschlandfunk in Lissabon tätig, übernommen. Künstler zwischen den Kulturen wie der Filmemacher Daniel Blaufuks oder die bekannte Holocaust-Überlebende und Musikerin Esther Bejarano gemeinsam mit der Zirkusgruppe CiNS (Circus im Nationalsozialismus) und dem Rapper Kutlu Yurtseven standen in den Klassenräumen und in der Aula der Deutschen Schule. Während aller Veranstaltungen wurden die Spuren digital – dokumentierend, analytisch oder auch kreativ – gesichert, um schließlich in eine größere Ausstellung zusammengeführt und für die Mit- und Nachwelt festgehalten werden zu können.  

Die Projektarbeit bedeutete also in mehrerlei Hinsicht Grenzüberschreitungen herkömmlichen Unterrichtens: Nicht nur wurden schulextern institutionelle Grenzen durchbrochen, sondern schulintern auch die Grenzen der Unterrichtsfächer: Die Disziplinen Geschichte und Kunst, Deutsch und Religion arbeiteten bei der Organisation der Veranstaltungen wie selbstverständlich zusammen. Auch wurden immer wieder Altersgrenzen durchbrochen: Ältere Schüler arbeiteten mit jüngeren zusammen, Eltern und auch Großeltern kamen in die Schule und wurden als Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu Lehrerinnen und Lehrern, die unterschiedlichen Schulzweige vom Kindergarten bis zum Gymnasium kamen in einen noch engeren Kontakt als sonst. Auch ehemalige Lehrer wie der Trierer Pädagoge Hubert Ries, der vor und während der Nelkenrevolution 1974 an der Grundschule und am Gymnasium der DSL tätig war, kamen zurück an ihre ehemalige Wirkungsstätte und gestalteten Unterricht in der Mittel- und Oberstufe. Solche besonderen Formen des grenzüberschreitenden Dialoges stießen von allen Seiten auf lang nachklingende Begeisterung. 

Die einschneidende Zäsur in der Projektarbeit kam dann mit dem 13. März 2020, als aufgrund der immer weiter vorangeschrittenen Corona-Pandemie der reguläre Unterrichtsbetrieb an der DSL wie in ganz Portugal und etwa zeitgleich in weiten Teilen Europas eingestellt werden musste. Die geplanten Vorträge der Münchener Autorin Margret Greiner über das Leben der verfolgten jüdischen Künstlerin Charlotte Salomon und der des bekannten Historikers Ulrich Herbert aus Freiburg, der in den Räumen des Goethe-Instituts Lissabon über die Rolle Lissabons zwischen den Blöcken im Zweiten Weltkrieg referieren sollte, mussten leider ausfallen. Besonders schwer fiel dann die Entscheidung, dass auch die vorgesehene Ausstellung zur Präsentation der Projektergebnisse im Espaço Memória dos Exílios nicht würde stattfinden können. Wie alle Bereiche des öffentlichen Lebens hatte sich also auch das Projekt „Transitraum Lissabon. Erinnern für die Gegenwart“ an die Corona-Bedingungen anzupassen. Immerhin aber – die DSL wurde sehr rasch mediensicher, und darauf darf sie mit Recht stolz sein – konnten wertvolle Teile der Projektarbeit trotzdem erfolgreich weitergeführt werden: Unsre Referentin Stephanie Haas aus Nürnberg etwa, die als Gedächtnis- und Erinnerungsexpertin eigentlich persönlich nach Lissabon eingeladen war, bot ihr Programm zum Thema „Erinnern in der Gegenwart: Wie unser Gedächtnis im Alltag funktioniert“ für zahlreiche Klassen digital über Moodle an. Somit konnte auch das Projekt „Erinnern für die Gegenwart“ einen sicher nicht unwichtigen Beitrag leisten, um das Home-Schooling-Angebot der DSL abwechslungsreich und kompetenzorientiert zu gestalten.

Die Fragen, die am Anfang der Projektarbeit standen, wurden tatsächlich auch nach einem Jahr nicht immer vollständig beantwortet, weil sie sich eben gerade oft nicht allgemein verbindlich beantworten lassen: Wertvoll war vor allem, dass diese Fragen gestellt wurden, dass immerhin doch eine ganze Fülle persönlicher, aber auch sachlicher Antworten gefunden wurde und nicht zuletzt dass die Fragen bei allen Projektbeteiligten auch in Zukunft weiterarbeiten werden. Die Arbeiten der Schülerinnen und Schüler, die sie zusammen mit den eingeladenen Expertinnen und Experten und mit ihren Lehrerinnen und Lehrern und Erzieherinnen und Erziehern erarbeiteten, tragen wertvoll dazu bei, das Mosaik der Erinnerung jetzt ein wenig vollständiger erscheinen zu lassen. Auch das Ziel, gerade bei Kindern und Jugendlichen durch einen Blick in die Vergangenheit Toleranzdenken und Demokratieverständnis zu stärken, scheint durch die Projektarbeit mit großer Nachwirkung erreicht worden zu sein. Durch das Projekt „Erinnern für die Gegenwart“ ist es in Lissabon gelungen, einen breiteren Erinnerungsprozess in Gang zu setzen, der so schnell auch sicherlich nicht abreißen wird. Unter anderem ist auf Initiative der Bartholomäus-Brüderschaft der Deutschen in Lissabon und ihres Vorstandsvorsitzenden Constantin Ostermann von Roth – wohl auch unter dem Einfluss der Veranstaltungen im Rahmen von „Erinnern für die Gegenwart – ein institutionenübergreifendes weiteres Projekt in Gang gebracht worden, das sich um eine objektive wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte deutscher Institutionen in Lissabon kümmern wird.

Die DSL hat dem Auswärtigen Amt sowie der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen für die herausragende Unterstützung zu danken. Die Früchte der Mühen liegen – bedingt durch die Corona-Krise – schon bald digital vor: Statt der eigentlich geplanten großen Ausstellung in Estoril entstand eine doch beachtliche multimediale Broschüre mit einer breiten Auswahl eindrucksvoller Projektergebnisse in Form von Texten und Bildern. Ruft man diese Broschüre über die Homepage der Schule auf, finden sich im Sinne einer digitalen Ausstellung auch alle Videomitschnitte der Veranstaltungen. Vielen herzlichen Dank an alle, die an dem Projekt tatkräftig mitgewirkt haben. Die Mühe hat sich gelohnt – das wünschen sich zumindest die drei projektverantwortlichen Lehrkräfte Alicia Fuster, Conrad Schwarzrock, Michael Veeh und alle ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter. 


Das Projekt wird gefördert im Rahmen des Wettbewerbs „Erinnern für die Gegenwart“. Deutsche Auslandsschulen und Deutsch-Profil-Schulen setzen sich mit ihrer Schulgeschichte und dem historischen Umfeld der Schule auseinander. Wie hat man sich verhalten gegenüber Kolonialismus, Nationalsozialismus, Diktatur oder Menschenfeindlichkeit? Ziel ist, Erinnerungskultur, Toleranz und Demokratieverständnis zu stärken und auch auf heutige Formen der Diskriminierung aufmerksam zu machen. Schülerinnen und Schüler sind an der Projektentwicklung zentral beteiligt.

„Erinnern für die Gegenwart“ ist eine Initiative von Bundesaußenminister Heiko Maas und wird umgesetzt von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ).

Kategorien: Portugal

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