Mehr als ein Jahr lang gingen 42 Schülerinnen und Schüler der Klassenstufe 10 anhand des Studiums von Literatur und Archivdokumenten sowie Interviews mit 18 Zeitzeugen der zentralen Frage nach, ob und inwiefern die Geschichte der DS Santiago in den Jahren 1973 bis 1990 mit der Geschichte der chilenischen Militärdiktatur verbunden bzw. von ihr beeinflusst war.

Ein Bericht von Wolfgang Veller, Projektleiter an der Deutschen Schule Santiago de Chile.

Ihre Rechercheergebnisse verarbeiteten die Schülerinnen und Schüler mithilfe der Projektleiter Wolfgang Veller (Geschichtslehrer), Fernanda Ibañez (Ciencias Sociales-Lehrerin), Jo Siemon (Historikerin und Projektassistenin) und Roberto Praetorius (langjähriger Verwaltungsleiter und Archivar) zu einem 190seitigen Buch, das im Oktober 2020 erschien.

Geteilte Sicht auf die Militärdiktatur

Die Chilenen bewerten 30 Jahre nach dem Ende der Ära Pinochet die 17 Jahre andauernde Militärherrschaft höchst konträr. Leidenschaftliche Gegner der Militärjunta stehen einem groβen Personenkreis gegenüber, der beim Namen Augusto Pinochet gerne und vor allem auf die ökonomische Entwicklung des Landes in Folge des Putsches verweist. Diese geteilte Sicht auf eine Militärdiktatur, die verantwortlich ist für mehr als 3.200 Ermorderte und Verschwundene sowie mehr als 38.000 Opfer von politischer Gefangenschaft und Folter, ist (nicht nur) für einen aus Deutschland entsandten Geschichtslehrer höchst befremdlich, spiegelt aber die gesellschaftliche Realität im Land und an der Deutschen Schule Santiago wider. Insofern zielte die Auseinandersetzung mit der Landes- und Schulgeschichte darauf, dass sich die Schüler ein sachlich fundiertes und reflektiertes Urteil zu dieser Zeit bilden können. Weitere Ziele waren Multiperspektivität zu praktizieren, eine demokratische Diskussionskultur zu fördern, Möglichkeiten des Erinnerns kennenzulernen sowie die Deutschkenntnisse und die Methodenkompetenz (Zeitzeugeninterviews, Projektarbeit) zu fördern.

Strukturierung des Projekts

Die Arbeit begann im Sommer 2019 mit einem Besuch im Museo de la Memoria und dem ehemaligen Folterzentrum Estadio Nacional. Zwischen August und Dezember 2019 bearbeiteten die Schülerinnen und Schüler fächerübergreifend in Gruppen von 3-5 Personen die zentrale Frage unter neun Gesichtspunkten: 1. Verletzung und Verteidigung der Menschenrechte, 2. Verbindungen der Deutschen Schule zur Militärregierung, 3. Exil und Rückkehr, 4. Alltagsleben in der Diktatur, 5. Die Schulpolitik der Militärregierung, 6. Die Neue Sekundarstufe, 7. Kunst und Kultur, 8. Frauenproteste und Gleichberechtigung sowie 9. Die 80er Jahre zwischen Konsolidierung und Wandel. Kernstück dieser Arbeit war die Vorbereitung, Durchführung und Auswertung der Interviews mit 18 Zeitzeugen, die in Bezug auf Alter, Geschlecht, Funktion und sozio-ökonomischer Herkunft ein möglichst vielseitiges Spektrum repräsentierten.

„Dieses Projekt hat uns nochmal in die Vergangenheit versetzt, als ob es eine Zeitreise gewesen wäre. Somit konnten wir daran erinnern, was damals passiert ist. So viele Informationen und Erfahrungen, die im Tiefsten vergraben waren, und wir haben sie gemeinsam als Gruppe entdeckt.“

Amaya Höfele, Schülerin an der Deutschen Schule Santiago
Gegenwart in Chile: soziale Unruhen

Just während des Projektzeitraums brachen in Chile am 18. Oktober 2019 die schwersten sozialen Unruhen seit den 1980er Jahren aus. Diese gewaltsamen Proteste markieren auch den Gegenwartsbezug des Projektes, denn sie konstituieren selbst eine Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Erbe der Diktatur, wie z. B. der neoliberalen Wirtschaftsordnung, den niedrigen Löhnen oder ein ungerechtes Bildungswesen, und beziehen sich auch in ihren Ausdrucksformen („Cacerolazos“, Musik etc.) auf diese Zeit. Wie alle Chilenen waren auch die Projektklassen von der sozialen Revolte zutiefst betroffen und bemerkten vor dem Hintergrund ihrer Recherchen, welche Nachwirkungen die Diktatur-Vergangenheit Chiles auf seine polititsche Gegenwart hat. So kritisierten sie insbesondere die tiefe ökonomische und ideologische Spaltung des Landes, das „bis heute noch nicht über die Zeit des Putsches hinausgekommen [sei] und [die Gesellschaft] in rechte und linke teilt“ (Renata Corneo). Demgegenüber gelang es den Projektteams sich im Klassenraum respektvoll über ihre unterschiedlichen Ansichten bezüglich Chiles Vergangenheit und Gegenwart auszutauschten.

Die Ergebnisse der Projektarbeit sind in den digitalen und gedruckten Büchern „Die Deutsche Schule Santiago zur Zeit der Miliärdiktatur 1973-1990“ (deutsch) bzw. „El Colegio Alemán durante la Dictatura Militar 1973-1990“ (spanisch) nachzulesen.


Das Projekt wird gefördert im Rahmen des Wettbewerbs „Erinnern für die Gegenwart“. Deutsche Auslandsschulen und Deutsch-Profil-Schulen setzen sich mit ihrer Schulgeschichte und dem historischen Umfeld der Schule auseinander. Wie hat man sich verhalten gegenüber Kolonialismus, Nationalsozialismus, Diktatur oder Menschenfeindlichkeit? Ziel ist, Erinnerungskultur, Toleranz und Demokratieverständnis zu stärken und auch auf heutige Formen der Diskriminierung aufmerksam zu machen. Schülerinnen und Schüler sind an der Projektentwicklung zentral beteiligt.

„Erinnern für die Gegenwart“ ist eine Initiative von Bundesaußenminister Heiko Maas und wird umgesetzt von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ).

Kategorien: Chile

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