Die Projektgruppe der DS Alexander von Humboldt in Mexiko-Stadt (Campus West) möchte zum 76. Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus gerne zwei Ergebnisse ihrer Projektarbeit mit euch teilen – ein Bericht zum Besuch des Hebreo Tarbut und einem Gedicht über das Erinnern.

Ein Bericht der Schüler*innen aus der Projekt „Gelebte Diversität- damals und heute“ an der Deutschen Schule Mexiko-Stadt, Campus West.

Am 27. November 2019 haben wir, die 11. Klässler*innen des Colegio-Aleman das Colegio Hebreo Tarbut besucht. In Mexiko-Stadt gibt es mehrere jüdische Schulen, wegen der großen jüdischen Community. Diese Community bildete sich, weil viele Juden während und nach dem zweiten Weltkrieg nach Mexiko (allgemein Amerika) geflohen sind. Ein paar jüdische Jugendliche besuchten zuvor auch unsere Schule und hielten einen Workshop für uns, in dem wir zum Thema Migration und Flucht arbeiteten.

Auf eine Einladung hin haben wir das Hebreo Tarbut besucht, da Frau Haya Feldmann aus Israel kam und einen Vortrag über die jugendlichen Juden, während des zweiten Weltkriegs hielt. Wir, als deutsche Schule, waren die einzige nicht-jüdische Schule, die eingeladen wurde.

Knöpfe zählen zum Erinnern und Gedenken

Wir waren noch nie dort. Wir kamen mit unseren Schulbussen an der Schule an und wurden sehr freundlich begrüßt. Danach wurden wir als Generation in einen Raum geführt und haben uns alle um zwei große Tische gesetzt. Wir wussten zu dem Zeitpunkt noch nicht, was uns erwarten würde. Wir sahen nur, dass es in der Mitte des Tisches einen Sack voller Knöpfe gab. Nach einigen Minuten kam eine kleine Gruppe von Schüler*innen des Hebreo Tarbut zu uns und erklärte, was es mit den Knöpfen auf sich hatte. Jeder Knopf stand für einen jüdischen Menschen, der in den Jahren des Nationalsozialismus umgebracht wurde. Dieses Projekt hatte das Ziel, die Dimensionen an Toten darzustellen und natürlich als Hauptgrund zum Andenken und Gedenken an die Ermordeten.

Jede*r Zweite bekam einen kleinen Behälter und musste mit einem Partner jeweils 300 Knöpfe zählen und diese in den Behälter tun. Ich erinnere mich noch sehr genau, dass das Zählen mir sehr schwerfiel, weil ich wusste, dass jeder Knopf für einen ermordeten jüdischen Menschen stand. Ein Knopf bedeutete nicht nur ein Toter, sondern auch ein Mensch, dessen Leben einfach so weggenommen wurde. Ein Kind, welches keine Chance bekommen hat, das richtige Leben zu kosten. Einer Jugendlichen wurde die Möglichkeit weggenommen ihren Abschluss zu machen. Ein Erwachsener hat keine Chance bekommen eine Familie zu gründen. Ein Vater konnte seinem Kind nicht beim Aufwachsen zuschauen. Eine Großmutter konnte ihren ersten Enkel nicht sehen. All das ging mir durch den Kopf.

Nachdem wir mit dem Zählen fertig waren, erklärte uns ein Schüler, dass wir nun 300 Knöpfe von über 6 Millionen gezählt hatten. Er erklärte uns, dass es ihr Ziel war viele andere Schulen einzuladen, bis sie mit den 6 Millionen Knöpfen ein Mahnmal zum Gedenken an die Shoah gestaltet haben.

Nach dem Zählen folgte die Präsentation von Dr. Feldmann. Sie stellte uns 5 jüdische Jugendliche vor, die in den Kriegsjahren ein Tagebuch geführt hatten. In der Präsentation hat Sie verschiedene Tagebücher zusammengefasst, in denen die Jugendlichen erklärten, wie sie die Zeit erlebt haben und wie sie sich fühlten, welche Widerstandsaktionen sie führten und wie ihre Lebensbedingungen sich von Jahr zu Jahr, wegen der Gesetze, verschlechterten. Das war sehr interessant, da ich so gelernt habe wie Jugendliche wie ich, die Zeit erlebt haben und welche Gefühle sie hatten und nochmal mehr macht es traurig und irgendwie auch wütend, dass all diese Jugendlichen auf grausamste Weise behandelt und umgebracht wurden.

Haya Feldmann bei ihrer Präsentation im Hebreo Tarbut

Nachgang:

Bevor ich diesen Text beende, möchte ich noch auf etwas anderes eingehen. Ich erinnere mich noch sehr genau, dass ich nach dem Besuch des Hebreo Tarbut zu meiner Freundin nachhause gefahren bin. Bei ihr haben wir zu Mittag gegessen und ihr Großonkel war auch dabei. Wir haben ihm natürlich erklärt, wo wir waren und was wir erlebt haben. Nach vielem Erklären unserer Eindrücke hat der Onkel einfach angefangen zu lachen. Ich habe zuerst nicht verstanden warum, bis der Onkel meinte: „Wie Ironisch, dass ihr die jüdische Schule besucht habt“. Der Onkel hat nicht verstanden, warum wir als deutsche-Schule die jüdische-Schule besucht haben und empfand das als komisch.

Falls es Leser*innen unter euch gibt, die dies auch nicht verstehen, möchte ich gerne erklären, warum unser Besuch überhaupt nicht „komisch“ war, sondern ganz im Gegenteil – normal und wichtig.

Erstens haben wir als Schüler*innen nichts mit dem zweiten Weltkrieg in Deutschland zu tun, waren weder beteiligt, noch haben wir die Zeit miterlebt. Deswegen gibt es keinen Grund für uns ein Schuldgefühl zu empfinden oder uns schlecht zu fühlen. Jedoch bedeutet dies nicht, dass wir die Vergangenheit einfach vergessen dürfen und so tun als wäre nichts passiert. Wir müssen uns erinnern – jetzt hier in der Gegenwart und damit auch für die Zukunft – damit Menschen andere Menschen nie mehr so behandeln. Gerade jetzt, wo in Deutschland und Mexiko antisemitische Bedrohungen, Angriffe und Anschläge sich häufen. Wo es anscheinend okay ist, wenn Politiker in der Öffentlichkeit, rassistische und antisemitische Parolen schreien.

Wir müssen lernen mit der Vergangenheit und der Verantwortung, die uns unsere Geschichte gegeben hat, umzugehen. Wir als Schüler*innen der deutschen Schule lernen mit der Vergangenheit umzugehen, indem wir uns mit ihr beschäftigen, uns andere Geschichte anhören und miteinander sprechen. Darüber zu sprechen ist wichtig, denn heutzutage neigen Menschen dazu, das Thema (oder generell anstrengendes) zu vermeiden und indem man darüber spricht, fangen Menschen an, die Vergangenheit zu verarbeiten und lernen damit umzugehen.

Deswegen hoffe ich, dass wir uns in der Zukunft öfter mit den jüdischen Schulen treffen, um so die jüdisch-deutsche Beziehung zu verbessern und dem Onkel meiner Freundin zu zeigen, dass es heute normal ist, dass die jüdische und die deutsche Schule miteinander arbeiten und lernen.

ERINNERN

 

Ich kann mich bewusst an etwas erinnern

Ich kann bewusst von jemandem an etwas erinnert werden

Eine Erinnerung kann aber auch ungewollt in mir aufkommen

Ich kann mich bewusst dazu bringen, zu vergessen

Ich kann bewusst von jemandem dazu gebracht werden, zu vergessen

Das Vergessen kann aber auch ungewollt eintreten

 

Bewusst und unbewusst kann ich Erinnerungen schaffen 

Für andere 

Für mich

Bewusst und unbewusst kann ich dazu beitragen Erinnerungen verblassen

zu lassen

Die der anderen

Die meinigen

 

Was soll ich aber erinnern?

Wie soll ich erinnern?

Wodurch soll ich erinnern?

Woher weiß ich, dass die Erinnerung mich nicht täuscht?

Woher weiß ich, dass ich das Richtige verinnerliche?

Was mache ich dann mit diesen Erinnerungen?

Was machen die Erinnerungen dann mit mir?

Machen meine Erinnerungen etwas mit anderen?

Machen ihre Erinnerungen etwas mit mir?

 

Wer macht eigentlich Denkmäler?

Für wen?

Sieger*innen? 

Verlierer*innen? 

Täter*innen? 

Opfer? – Warum haben Opfer eigentlich kein Geschlecht?

 

Was machen diese Denkmäler eigentlich?

Was machen diese Mahnmale eigentlich?

Stellen sie Ungleichgewichte wieder her?

Oder schreiben sie Ungleichgewichte fest?

 

Denk mal!

Mahn mal!

Über unser Projekt:

Für uns steht das Thema Diversität im Zentrum. Wir wollten zum einen herausfinden, wie Diversität heute und zur Zeit des Nationalsozialismus gelebt wurde und was wir als Schulgemeinschaft dafür tun können, unseren Beitrag zu einem wertschätzenden und gerechten Miteinander im besonderen Kosmos einer deutschen Schule im Ausland zu leisten. Hierfür arbeiten wir v.a. mit unserer Geschwisterschule im Süden der Stadt, mit der hebräischen Schule im Westen und verschiedenen Organisationen, wie dem Goethe-Institut oder dem Dokumentations- und Forschungszentrum Jüdischer Geschichte Mexikos zusammen. Zudem konnten wir den Queer-Coach Dr. Cristian Magnus einladen und ihn für Workshops und Vorträge für unsere Mitschüler*innen und Lehrer*innen gewinnen. Wenn ihr wissen möchtet, was wir genau gemacht haben, wer wir sind und warum wir an dem Projekt mitgearbeitet haben, seid ihr hiermit herzlichst eingeladen, unsere Homepage zu besuchen.

Wir sagen auf bald und wünschen euch alles Gute!

Kernprojektgruppe der DS Alexander von Humboldt, Mexiko-Stadt (Campus West)

Das Projekt wird gefördert im Rahmen des Wettbewerbs „Erinnern für die Gegenwart“. Deutsche Auslandsschulen und Deutsch-Profil-Schulen setzen sich mit ihrer Schulgeschichte und dem historischen Umfeld der Schule auseinander. Wie hat man sich verhalten gegenüber Kolonialismus, Nationalsozialismus, Diktatur oder Menschenfeindlichkeit? Ziel ist, Erinnerungskultur, Toleranz und Demokratieverständnis zu stärken und auch auf heutige Formen der Diskriminierung aufmerksam zu machen. Schülerinnen und Schüler sind an der Projektentwicklung zentral beteiligt.

„Erinnern für die Gegenwart“ ist eine Initiative von Bundesaußenminister Heiko Maas und wird umgesetzt von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ).

Kategorien: Mexiko

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